Metamorphose meiner Fotografie

Von der Technik zur Bildaussage

Schon als Kind war ich ein von Technik geprägtes Spielkind. Auch als ich meine Faszination für die Fotografie entwickelte, wurde ich von der Technik getrieben. Sie wurde ausgereizt, um das besondere Bild möglich zu machen. Die Herausforderungen wuchsen mit den technischen Möglichkeiten. Doch was wollte ich eigentlich mit den Bildern ausdrücken? Welche Geschichte wollte ich mit den Bildern erzählen? Meine Bilder waren reduziert auf die Dokumentation des technisch machbaren, reduziert auf die Dokumentation der realen Welt. 

 

Doch wer fotografiert lernt sehen. Man lernt die Welt intensiver zu betrachten, achtsamer zu werden. Die Erkenntnis, dass die Fotografie in der Lage ist, unwiederbringliche Momente einzufrieren, macht sie wertvoll. An einer anderen Stelle hatte ich es bereits erwähnt, dass, wenn Menschen ihr Hab und Gut aus einer Feuersbrunst retten müssen, Fotografien einen ganz hohen Stellenwert haben. Warum wohl? 

 

Doch es genügte mir nicht mehr, die Momente nur fotografisch einzufrieren, sondern ich begann diese zu gestalten. Dazu gehört Geduld, die Geduld des Beobachtens, um dann zu entscheiden, welches der richtige Bildausschnitt ist, wann das richtige Licht zur Verfügung steht, letztendlich wann der richtige Augenblick ist, auf den Auslöser zu drücken. Hierzu zwei Beispiele: 

  • Eine erste Portraitsession mit einem neuen Model, ob Amateur oder Profi, setze ich nicht unter 3 Stunden an. Man benötigt Zeit, um miteinander vertrauter zu werden. Wenn man kein Maskengesicht fotografieren will, muss man die Geduld aufbringen, um eine Atmosphäre zu schaffen, die echte Portraits erlaubt. Erst wenn das Model sich einem zeigt, wird auf den Auslöser gedrückt. 
  • Man sieht in einer Straßenszene einen außergewöhnlich gekleideten Menschen. Nun kann man sich entscheiden, ob man diesen Eyecatcher nach links platziert, um ihn ins Bild laufen zu lassen oder nach rechts aus dem Bild herauslaufend. Das bedeutet nicht nur vollkommen unterschiedliche Bildwirkungen, sondern auch verschiedene Bildaussagen. 

Natürlich muss man neben Geduld und Achtsamkeit die Technik seiner Kamera beherrschen, um das Umzusetzen der Bildaussage auch realisieren zu können. Man sollte sich mit der Technik so vertraut machen, dass man sie ohne groß zu überlegen, bedienen kann. Wenn ich erst nachdenken muss, wie ich die Verschlusszeit anpassen muss, ist der Moment, den ich festhalten wollte, bereits Vergangenheit. Aber sie ist nur das Werkzeug, mehr nicht. Das Bild, die Aussage entsteht in deinem Kopf, nicht in der Kamera. Dort werden die Bilder nur festgehalten. Die Betrachter deiner Bilder werden sich später über die Bildinhalte unterhalten wollen und nicht über das dazugehörige Histogramm. 

 

Ich begann nun die Momente aktiv zu steuern. Ich wollte nun Bildgeschichten erzählen, deren Vorbereitung in der Regel mehr Aufwand bedeutet, als das Fotografieren selbst. Ich passte mein Equipment auf die neue Art des Fotografierens an und kaufte mir eine Kamera, die zu mir passt. 

 

Die Welt oder das Objekt der fotografischen Begierde in Geduld zu beobachten, hilft, die Momente zu erahnen, um dann im richtigen Augenblick auf den Auslöser zu drücken. Es gelingt nicht immer, aber immer öfter. Als Menschenfotograf ist es wichtig, eine Beziehung zu dem Model aufzubauen. Gute Aufnahme gelingen nur gemeinsam. Der Weg zum Menschen führt über die Augen und meine Passion ist, den Augenblick festzuhalten, der ein wenig von diesem Menschen preisgibt. Das gelingt mir nicht immer, aber immer öfter. 

 

Doch dieser Prozess der Reife braucht Zeit und dazu gehört auch die Bereitschaft los zulassen; los zulassen von den vielen Ideen, die im Kopf herumschwirren. Meine Frau sagt zu mir, ich hätte Ideen für zwei Leben. Und das stimmt! Da ich aber die 65 bereits überschritten habe, wird einem mehr und mehr bewusst, dass die Momente und damit die Zeit endlich ist. Daher musste ich mich von einigen Ideen bereits verabschieden. Ein schmerzhafter Prozess, der es jedoch ermöglicht, die frei gewordene Energie für die verbliebenen Ideen zu nutzen. Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche sind ja auch Bildgestaltungsmittel wie zum Beispiel bei der Nutzung von geringer Schärfentiefe. 

 

Fotografie war und ist meine Leidenschaft; dem Wunsch folgend, kreativ zu sein. Könnte ich zeichnen und malen, wäre ich wahrscheinlich Maler geworden. Da ich es nie geschafft habe, das Strichmännchenniveau zu überschreiten, muss ich mich mit der Fotografie begnügen, von den Einige behaupten, dass sie kein Kunst, sondern nur ein Handwerk sei. Meines Erachtens, kommt es darauf an, wie man die Fotografie anwendet und wie sehr man Wert auf den kreativen Prozess legt oder ob man die technischen Möglichkeiten nutzt, um das Leben zu dokumentieren. Dann ist sie eher ein Handwerk. Ich habe mich letztendlich für den künstlerischen Weg entschieden.