Wie die Fotografie mein Leben veränderte...

Mein Aufstieg in die Spiegelreflexwelt

Neben der Landschaftsfotografie interessierte es mich, die Welt im Kleinen zu entdecken. Doch dies war mit meiner Agfa Silette eher ein mühseliges Unterfangen. Alleine die Paralaxenverschiebung  zwischen Sucher und Objektiv auszugleichen, erforderte nicht nur Erfahrung, sondern auch ein wenig Glück. Ganz zu schweigen, dass die Fähigkeit nah ans kleine Objekt meiner Begierde durch die Optik sehr beschränkt war. Eine Spiegelreflexkamera sollte diese Probleme lösen. Somit erwarb ich eine gebrauchte Canon Ftb. Nun konnte ich auch entsprechend meiner Bedürfnisse (und meines vorhandenen Budgets) Wechselobjektive erwerben. Schon bald besaß ich eine Telekanone und für meine Makrofotografie Zwischenringe, Umkehrringe und ein Balgengerät. Nun konnte ich endlich einer Wespe ins Facettenauge fotografieren. Kleines wurde ganz groß abgebildet und es eröffnete sich mir eine neue (Klein)Bilderwelt. Jetzt machte der Begriff Kleinbild für mich auch Sinn.   Keine Blüte - oder besser gesagt - kein Blütenstempel wurde ausgelassen. In niedrigster Gangart ging es durch die Wiese.  In jungen Jahren war dies rein medizinisch betrachtet kein Problem. Heute wäre dies eher eine schmerzvolle Angelegenheit. Nachdem ich die Flora im wahrsten Sinne des Wortes abgegrast hatte, stellte ich mich der nächsten Herausforderung: Den Insekten. Diese sind bekannterweise nicht nur klein, sondern auch beweglich. Seit dieser Zeit glaube ich, dass der Begriff Kammerjäger eigentlich eine Verballhornung des Wortes Kamerajäger ist. Neben Schmetterlingen waren auch Libellen ein begehrtes Motiv. Wenn diese Flugkünstler nur nicht immer so hektisch wären. Doch eines Tages wurde meine Geduld belohnt. Zwei Libellen saßen im Gras und waren so tief in ihrem Geschlechtsakt vertieft, dass sie ihre Umwelt gar nicht wahrnahmen. Ich konnte sie sogar mit meiner Nahlinse berühren, ohne dass sie sich stören ließen. So gelang mir eine ganze Serie an wunderschönen Nahaufnahmen. Was ist nun das Fazit? Paare sind einfacher zu fotografieren, als Singles. Zumindest bei Insekten.
Trotz des manischen Zwangs irgendwelchen fotografischen Objekten meiner Begierde hinterher zu laufen, nahm ich trotzdem am normalen Leben Teil. Ich war also kein Nerd im heutigen Sinne. Und so lernte ich meine heutige Frau kennen. Obwohl sie mein Hobby nicht teilte, erduldete und unterstützte sie sogar meine Fotografie. Es muss an dieser Stelle mal gesagt werden, dass eine solche Leidenschaft für den nicht fotografierenden Partner ganz schön nervenaufreibend sein kann. Damit meine ich nicht, dass ich an gefährlichen Berghängen herumkrabbele, um das Beste aus meinem Panoramamotiv herauszuholen. Nein, ich meine, dass der fotografierende Partner an jeder Ecke stehen bleibt, um den Fotoapparat aus dem Rucksack zu holen und schlimmstenfalls auch noch das Objektiv wechseln muss. Somit benötigen Strecken, die man eigentlich in einer Stunde bewältigen kann, gerne mal drei Stunden.  Damals war der Begriff „Entschleunigung“ noch gar nicht geboren, aber er wurde schon gelebt.